Pastoral

Grundlagen der Pastoral und Aufgabenfelder der Circus- und Schaustellerseelsorge

in der Bundesrepublik Deutschland

Wolfgang Miehle – Martin Fuchs – Sascha Ellinghaus

Im eindrucksvollen Bild des guten Hirten stellt uns das Lukasevangelium (Lk 15,4-7) vor, wie Jesus Christus als oberster Seelsorger sich nicht nur summarisch um die große Masse der Menschen kümmert, sondern auch die Einzelsituation jedes Menschen ernst nimmt, ihn sucht und aufnimmt, ihn begleitet und führt. Deshalb darf es der Kirche niemals nur um eine allgemeine und damit verallgemeinernde Form der Seelsorge gehen, sondern sie muss die unterschiedlichen Lebensumstände der Menschen wahrnehmen und respektieren, um darauf spezifische Antworten in Verkündigung und Pastoral zu finden.

Diese Erkenntnis greift Papst Johannes Paul II. bereits in seiner ersten Enzyklika Redemptor hominis vom 04.03.1979 auf, wenn er  schreibt: Da also der Mensch der Weg der Kirche ist, der Weg ihres täglichen Lebens und Erlebens, ihrer Aufgaben und Mühen, muss sich die Kirche unserer Zeit immer wieder neu die “Situation” des Menschen bewusst machen. Und in seiner Botschaft zum Welttag der Flüchtlinge und Migranten im Jahr 1993 führt er weiter aus, dass dem Anrecht der von der Mobilität betroffenen Gruppen auf Evangelisation … durch besondere Initiativen und geeignete, den Personen und Umständen entsprechende Strukturen nach besten Kräften entsprochen werden soll. Auch die Instruktion „Erga migrantes caritas Christi“ des Päpstlichen Rates der Seelsorge für die Migranten und Menschen unterwegs  aus dem Jahr 2004 verweist mehrmals auf das Recht der Menschen unterwegs und umgekehrt die Pflicht der Bischöfe und Pfarrer zur Einrichtung besonderer pastoraler Strukturen und Angebote, die es ermöglichen, dass auch die Menschen unterwegs in der Kirche ihr Vaterland finden können.

Unterwegs sein

Das Unterwegs-Sein gehört elementar zum Leben der Circusleute, Schausteller und Marktkaufleute. Sie sind damit in gewisser Weise auch ein besonderes Abbild des pilgernden Gottesvolkes auf seinem Weg durch die Zeit hin zur Ewigkeit Gottes. Zu ihrem Leben gehört das Wandern von Ort zu Ort. Es ist geprägt von manchmal sehr kurzen Aufenthalten und oft nur flüchtigen menschlichen Begegnungen, es trägt vielfach auch den Charakter des Veränderlichen und Vorläufigen, der Improvisation und des Zufalls, der Unsicherheit und Gefahr. Ihr Dienst ist es, anderen Menschen in vielen Formen von Festen, Feiern, Märkten, Vorführungen und sonstigen Veranstaltungen Entspannung, Erholung und Freude zu schenken, auch wenn ihnen selbst ganz anders zu Mute ist. Der Bajazzo, der singen muss, auch wenn er lieber weinen würde, und der Clown, der Späße machen muss, auch wenn er traurig ist, sind Kennzeichen der Spannung, in der dieser Dienst verwirklicht wird. Circus und Vergnügungsparks sind eine phantastische Welt, die als Ort grenzüberschreitender Ersterfahrung für einen christlichen Weg in der universellen Brüderlichkeit, in der Ökumene und in der Begegnung mit den anderen Religionen definiert wurde. Es ist in diesem Zusammenhang sicher kein Zufall, dass viele Volksfeste ihren Ursprung auf Feste des Kirchenjahres wie Erntedank, Kirchweihfest, Weihnachten oder Gedenktage von Heiligen zurückführen können.

Wirtschaftsfaktor: Volksfest

Die Welt von Circus, Volksfesten, Märkten und Erlebnisparks ist keine Randerscheinung in unserer Gesellschaft. Eine Studie des Deutschen Schaustellerbundes e. V. belegt vielmehr, dass im Jahr 2002 die Volksfeste in Deutschland bei einem Gesamtumsatz von € 3,92 Mrd. rund 178 Mio. Besucher (ohne die Weihnachtsmärkte mit zusätzlich ca. 50 Mio. und die Freizeitparks mit weiteren über 20 Mio. Besuchern) verzeichnen konnten und damit das bedeutendste Angebotssegment der Freizeitwirtschaft darstellen. Die dadurch erbrachte Arbeitsleistung, die großenteils von Teilzeitkräften und Saisonarbeitern verrichtet wird, entspricht umgerechnet rund 50.000 Vollarbeitsplätzen. Werden die genannten Zahlen auf alle Länder hochgerechnet, ist nur zu  erahnen, welche pastoralen Herausforderungen jenseits des wirtschaftlichen Potenzials in diesem Bereich an die Kirche gestellt sind. Als Seelsorger werden wir an das große Erntefeld erinnert, von dem in Lk 10, 2f die Rede ist und das den Herrn zum Auftrag veranlasst: Bittet den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden.

Die Bedeutung der Familie

Die Katholische Circus- und Schaustellerseelsorge in Deutschland betreut zurzeit einschließlich der Familienangehörigen und Mitarbeiter (ohne Festbesucher) ca. 40.000 Katholiken bei den Schaustellern, ca. 5.000 Katholiken bei den Circusunternehmen, ca. 10.000 Katholiken bei den in Freizeitparks Beschäftigten und ca. 20.000 Katholiken bei den Marktkaufleuten. Viele dieser Menschen stammen aus so genannten katholischen Dynastien, die von Generation zu Generation im selben Lebens- und Arbeitsumfeld tätig sind und darin auch einen eigenen Kodex von Solidarität und Gemeinschaft, von Kultur und Tradition entwickelt haben. Nach wie vor überwiegen darin die eher patriarchalisch ausgerichteten Familienverbände, innerhalb derer Einordnung und Zusammenhalt, Hilfsbereitschaft und gegenseitige Rücksichtnahme als unverzichtbare Grundregeln anerkannt sind.

Freilich ist unübersehbar, dass sich zunehmend die Kinder und Jugendlichen damit sehr schwer tun und bisweilen aus dem ihrer Meinung nach zu engen Lebens- und Arbeitsumfeld des Familienclans ausbrechen wollen. Dies geschieht vor allem dann, wenn sie über ihre Freunde und Bekannten aus anderen Familienmilieus oder über Fernsehen und Internet andere Lebensformen und Lebensentwürfe ihrer Altersgenossen kennen lernen. Außerdem darf nicht übersehen werden, dass sich hinter der von den Besuchern vordergründig als romantisch empfundenen Atmosphäre der Welt von Circus, Volksfesten und Erlebnisparks oftmals auch Existenzängste, Neid, Konkurrenzdruck und Einsamkeit verbergen.

In diesem familiären und gesellschaftlichen Kontext spielt auch der christliche Glaube eine besondere Rolle, auch wenn die Frömmigkeitsformen der Circus- und Schaustellerleute sich teilweise von denen der Mitglieder unserer territorialen Ortsgemeinden, unterscheiden. Infolge eines meist über mehrere Monate festgelegten Terminplans von Festen, Veranstaltungen und Tourneen ist eine auch nur punktuelle Verbindung mit der jeweiligen Ortsgemeinde nicht möglich. Es mag vorkommen, dass der Seelsorger beim ersten Kontakt mit den Circusleuten und Schaustellern dies auf den ersten Blick als eine anscheinend gleichgültige Haltung gegenüber Glaube und Kirche deutet, bei näherem Hinsehen findet er allerdings oftmals ein recht eigendynamisches Glaubensleben vor. Es ist daher wichtig, dass die Seelsorger und pastoralen Mitarbeiter Wege finden und aufzeigen, wie christlicher Glaube auch in dieser Umgebung lebbar und erlebbar bleibt.

Begleitung an den Lebenswenden

Viele – gerade auch junge – Circus- und Schaustellerfamilien sind sehr dankbar, wenn ein Seelsorger sie in ihren menschlichen, sozialen und religiösen Bedürfnissen und Erwartungen wahrnimmt und sich um sie bemüht. Sie erwarten von der Kirche in erster Linie Begleitung an den Lebenswenden – insbesondere in der Vorbereitung und Spendung der Sakramente, bei der pastoralen Betreuung von Kranken und Sterbenden, bei der Segnung von Menschen, Zelten, Fahrgeschäften und Tieren sowie bei Gottesdiensten zu besonderen festlichen Gelegenheiten. Viele sehen im Seelsorger auch den Gesprächspartner, der von außen in die ansonsten geschlossene Gesellschaft von Circus- und Schaustellerwelt hineinkommt, dem sie ihre persönlichsten Ängste und Sorgen anvertrauen können und der bei Konflikten gelegentlich auch als Vermittler gesucht wird.

Die deutschen Bischöfe verweisen in ihrem am 23.09.2004 veröffentlichten Missionswort “Allen Völkern sein Heil“ (S. 51f.) auf die am 19.05.1991 veröffentlichte Verlautbarung Dialog und Verkündigung (Nr. 42) des Päpstlichen Rats für den interreligiösen Dialog / Kongregation für die Evangelisierung der Völker. Darin wird im interreligiösen Gespräch mit den anderen Weltreligionen zu einem vierfachen Dialog aufgerufen:

Die 4 Formen des Dialogs

Es geht dabei um

- den Dialog des Lebens, in dem wir die unterschiedlichen Lebens- und Arbeitserfahrungen wahrnehmen und respektieren, gleichsam Freud und Leid miteinander teilen wollen;

- den Dialog des Handelns, in dem wir uns gemeinsam für Wohlergehen, Gerechtigkeit und Solidarität einsetzen;

- den Dialog der religiösen Erfahrung, in dem wir die unterschiedlichen religiösen Formen und Erfahrungen nicht als Mangelerscheinung oder Konkurrenz betrachten, sondern sie bereitwillig als spirituelle Anregung und Bereicherung wertschätzen und schließlich

- den Dialog des theologischen Austausches, in dem theologische Fachleute sich bemühen, die religiösen Erfahrungen der Menschen unterwegs im Licht der biblischen Botschaft von der „ecclesia semper peregrinans“ als wichtiges Element unseres christlichen Glaubens zu deuten, als Herausforderung an die Pastoral aufzunehmen und so für das Glaubenszeugnis im alltäglichen Leben fruchtbar werden zu lassen.

Sollte dies, was gegenüber den anderen Religionen gilt, nicht umso mehr und zuallererst auch für die pastorale Begegnung innerhalb unserer Kirche zutreffen, gerade auch im Bereich von Circus, Volksfesten und Erlebnisparks – im Dialog zwischen Ortsgemeinden und Circus- & Schaustellerleuten?

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